Fazit
Die systematischen Parallelen zwischen den Verfolgungen in der frühen deutschen Neuzeit und denen des „dritten Reiches“ sind augenscheinlich.
Es mutet einem seltsam an, wenn man sich die Ursprünge der katholischen Inquisition vergegenwärtigt.
Anlässlich der vierten Lateransynode 1215, berief Papst Innozenz III. eintausendfünfhundert kirchliche Würdenträger nach Rom. Diese Synode erklärte die Katharer, die Anhänger einer christlichen Glaubens- bewegung, zu Ketzern und proklamierte "den heiligen Krieg".
Ihr Werkzeug wurde die heilige Inquisition. Über die Juden verfügte man zeitgleich, dass sie einen gelben Fleck an ihrer Kleidung zu tragen hätten. Über 700 Jahre später wurden Deutsche Juden ab 1941 verpflichtet einen gelben Judenstern „sichtbar auf der linken Brustseite des Kleidungsstückes fest aufgenäht zu tragen“. (Polizeiverordnung über die Kennzeichnung der Juden).
Dennoch gibt es auch ganz essentielle Unterschiede dieser beiden deutschen Unrechts-Systeme:
Ein folgsamer Volksdeutscher konnte unter der faschistischen Diktatur und im Überwachungsstaat (Gestapo, SS) ein geruhsames Leben führen. Die Volksfeinde wurden schließlich vom NS-Regime gesetzlich klar definiert.
Spätestens mit der Hinrichtung der kompletten Familie des Kanzlers Dr. Georg Haan (1628), kannte der Bamberger Hexenwahn keinerlei Schranken mehr.
Jeder Bamberger konnte jederzeit in das tödliche Räderwerk der Inquisition geraten.
Psychologisch gab es eine weitere Steigerung des Horrors: Im Unterschied zum willkürlichen Hexenwahn dem jeder zum Opfer fallen konnte, hatten die Nazis zumindest klare Feindbilder geschaffen.
Die Folterknechte des Fürstbischofs, des höchsten Geistlichen im Bistum, brachten ihre Opfer fast ausnahmslos bis an den Punkt, an dem sie sogar ihre eigene Familie als Hexenkomplizen bei den Hexenkommissaren bezichtigten. Gefoltert im Namen des Gottes, den die gepeinigten Menschen gleichzeitig um Barmherzigkeit und um Gnade anflehten.
Wenn man nach dem Studium der gesamten Bamberger Aktensätze erkennt, wie oft die Inquisiten ihre Besagungen wieder zurücknehmen wollten, dann wird dem Menschen von heute erst bewusst, dass diese moralische Belastung wohl den absoluten Gipfel der psychologischen Grausamkeit darstellte.
Jeder geäußerte Widerruf muß deshalb als temporäre Heldentat der verzweifelten Opfer gedeutet werden: sie hatten wenigstens versucht zu widerrufen, doch das führte lediglich zu einer erneuten „peynlichen Befragung“ durch die Folterknechte und Hexenkommisare.
Jeder dieser Menschen war vollkommen unschuldig und wurde durch die wiederholte Anwendung grausamster Foltermethoden zu diesen widerlichen Denunziationen gezwungen. Dies geschah in der Regel in Anwesenheit eines Geistlichen, der ihnen im Anschluss an Folter und Geständnis noch die Beichte abnahm und sie dann, 3 Tage danach, bis auf den Scheiterhaufen begleitete.
Die Existenz eines Malefiz-Hauses ist der heutigen Bevölkerung weitgehend unbekannt. Zur Zeit der Hexenverfolgungen im frühen 17. Jahrhundert war den Bamberger Bürgern diese Stätte des Grauens im gleichen Maße bekannt, wie das alte Brücken-Rathaus. Allerdings um Weiten mehr gefürchtet.
“Die unschuldigen Opfer eines gnadenlosen Systems verdienen auch nach bald 350 Jahren unsere Achtung, jeder Name ein ehrenvolles Andenken. Darin liegt die Verpflichtung, sich der Gefahren totalitärer Systeme bewusst zu werden und die Würde jedes Menschen zu verteidigen.”
(Dr. Alfred Bruns, Landesarchivdirektor Münster).
Es ist unser gemeinsames Erbe - das U.N.E.S.C.O.-WELTKULTUR-ERBE Bamberg. Zu Mahnen und zu Gedenken wäre deshalb eine ehrenwerte Aufgabe zur Aufarbeitung dieser einmaligen Mordserie.
Vor diesem Hintergrund ist die Errichtung einer Gedächtnisstätte zumindest überfällig - um die Märtyrer von Bamberg mit allem Respekt zu würdigen.
Ein sichtbares Mahnmal oder ein Dokumentationszentrum, (wie im Fall der Stadt Zeil am Main) könnte den zahlreichen Besuchern Bambergs damit auch die finsteren Seiten der einmaligen Stadtgeschichte aufzeigen.
Begrüßenswert ist daher der Vorschlag von Frau Dr. Dengler-Schreiber, der Weltkulturbeauftragten der Stadt Bamberg, den erhaltenen „Junius-Brief“ als Einzel-Dokument in die „LIST OF THE MEMORY OF THE WORLD“ aufzunehmen.
Das Malefiz Haus ist ein einmaliges Denkmal deutscher Sozial- und katholischer Religionsgeschichte und sollte zur Mahnung an kommende Generationen für die Liste des immateriellen Kulturguts der Menschheit der U.N.E.S.C.O. vorgeschlagen werden.
Wenn es zum Andenken der Anna-Maria Junius - also der Tochter von Johannes Junius - einen Straßennamen in Bamberg gibt, warum dann nicht auch für ihren gefolterten Vater, den Märtyrer Johannes Junius. Oder ein öffentliches Dr. Haan-Gebäude?
Die organisierte massenhafte Hexenverfolgung war ein mörderischer Alptraum für die gesamte Bevölkerung des Hochstifts.
Nach den drei Wellen des Hexenwahns waren die Menschen wohl noch für Jahrzehnte traumatisiert und misstrauisch gegenüber dem übermächtigen Klerus auf dem Domberg.
Der Volksmund nannte Bamberg noch bis in das späte 19. Jahrhundert den “Schrein des Grauens” - die schöne Stadt, in der sie all die Menschen verbrennen.
“Und es ist sehr wahr, was neulich der Inquisitor eines großen Fürsten zu prahlen wagte, dass, wenn unter seine Hände und Torturen der Papst selber fallen sollte, ganz gewiss auch er sich als Zauberer bekennen würde.” (Cautio Criminalis, zitiert nach Erika Wisselinck: Hexen).
Am 11. März 2007 wurde im voll besetzten Dom zu Bamberg feierlich das 1000-jährige Bistumsjubiläum mit einem Vespergottesdienst samt Vergebungsbitte gefeiert.
Vor dem selben Altar, vor dem auch seine Vorgänger Gottfried von Aschhausen, der Fuchs von Dornheim und Weihbischof Dr. Friedrich Förner zu den Bamberger Bürgern predigten, hat der amtierende Erzbischof Dr. Ludwig Schick wörtlich gesagt: "Damit wir in Zukunft mehr Licht sein und bringen können, feiern wir diesen Gottesdienst der „Reinigung des Gedächtnisses“, der Bitte um Vergebung und der Erneuerung".
Den vollständigen Text dieser Vergebungsbitte finden Sie hier (Link) und wenn Sie sich fragen, wie es sein kann, dass der einmalig grausame Massenmord an den Bamberger Märtyrern bis dato "niemals in Bamberg, bzw. in der Deutschen Geschichte angekommen ist", dann finden Sie hier vielleicht eine Antwort.
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